Physiotherapeutische Übungen für Hunde: sinnvoll und sicher in den Alltag integrieren
Physiotherapeutische Übungen können dabei helfen, die Muskulatur, Koordination, Körperwahrnehmung und Beweglichkeit eines Hundes gezielt zu fördern. Richtig ausgewählt und ausgeführt, lassen sich viele Übungen mit wenig Aufwand in den Alltag integrieren. Dabei gilt jedoch: Nicht jede Übung eignet sich für jeden Hund. Alter, Körperbau, Trainingszustand, Erkrankungen, Schmerzen und vorausgegangene Operationen müssen immer berücksichtigt werden. Eine Übung, die für einen gesunden Hund sinnvoll ist, kann bei einem Hund mit Arthrose, einem Bandscheibenvorfall oder nach einer Operation ungeeignet sein.
6 min read
Wann können physiotherapeutische Übungen sinnvoll sein?
Ein individuell angepasstes Bewegungstraining kann unter anderem eingesetzt werden:
• zur Förderung von Muskelkraft und Stabilität
• zur Verbesserung von Koordination und Körperwahrnehmung
• zur Unterstützung nach Operationen oder Verletzungen
• bei altersbedingtem Muskelabbau
• begleitend bei Arthrose und anderen Gelenkerkrankungen
• bei bestimmten neurologischen Erkrankungen
• zur Verbesserung kontrollierter Bewegungsabläufe
• zur Vorbeugung von Überlastungen bei gesunden Hunden
Bei Schmerzen, Lahmheiten, neurologischen Auffälligkeiten oder nach einer Operation sollte das Training zuvor tierärztlich beziehungsweise physiotherapeutisch abgestimmt werden.
Grundregeln für ein sicheres Training
Bevor Du mit Deinem Hund trainierst, solltest Du einige Grundsätze beachten:
• Trainiere auf einem ebenen und rutschfesten Untergrund.
• Achte auf langsame und kontrollierte Bewegungen.
• Beginne mit wenigen Wiederholungen.
• Plane ausreichend Pausen ein.
• Arbeite möglichst ohne Zwang oder starken Druck.
• Beende die Übung, sobald die Ausführung unsauber wird.
• Berücksichtige die Tagesform Deines Hundes.
• Steigere immer nur eine Komponente: Dauer, Wiederholungen oder Schwierigkeit.
Die Qualität der Bewegung ist wichtiger als eine hohe Anzahl an Wiederholungen.
1. Kontrollierter Sitz-Steh-Wechsel
Der Sitz-Steh-Wechsel kann die Muskulatur der Hinterhand und die Stabilität des Rumpfes fördern.
So funktioniert die Übung
Führe Deinen Hund mit einem Leckerli oder Signal langsam und möglichst gerade aus dem Stand ins Sitzen. Anschließend lässt Du ihn kontrolliert wieder aufstehen.
Darauf solltest Du achten
• Beide Hinterbeine sollten möglichst gleichmäßig belastet werden.
• Der Hund sollte nicht seitlich in den Sitz kippen.
• Er sollte nicht nach vorne springen, um aufzustehen.
• Die Pfoten sollten möglichst wenig verrutschen.
• Die Bewegung sollte langsam und kontrolliert erfolgen.
Beginne beispielsweise mit drei sauberen Wiederholungen.
Die Übung ist nicht automatisch für jeden Hund geeignet. Bei Knieproblemen, ausgeprägter Arthrose, Schmerzen, deutlicher Hinterhandschwäche oder nach bestimmten Operationen muss individuell geprüft werden, ob und in welcher Form sie durchgeführt werden darf.
2. Langsames Rückwärtsgehen
Kontrolliertes Rückwärtsgehen fördert die Körperwahrnehmung und kann die Aktivität der Hinterhand- und Rumpfmuskulatur unterstützen.
So funktioniert die Übung
Stelle Dich vor Deinen Hund und bewege Dich langsam auf ihn zu. Alternativ kannst Du ihn mit einem Leckerli oder einem bereits aufgebauten Signal zum Rückwärtsgehen auffordern.
Bereits wenige gerade Rückwärtsschritte reichen zu Beginn aus.
Darauf solltest Du achten
• Dein Hund sollte nicht hektisch zurückspringen.
• Der Rücken sollte möglichst gerade bleiben.
• Die Hinterbeine sollten bewusst und abwechselnd zurückgesetzt werden.
• Trainiere nicht auf glattem Boden.
• Vermeide enge oder unkontrollierte Bewegungen.
Ein enger Gang zwischen zwei stabilen Begrenzungen kann dabei helfen, die Bewegung gerade auszuführen. Der Gang muss breit genug sein, damit sich Dein Hund nicht eingeengt fühlt.
3. Langsames Übersteigen niedriger Hindernisse
Das bewusste Übersteigen niedriger Stangen kann die Koordination, Gelenkbeweglichkeit und Pfotenwahrnehmung fördern.
So funktioniert die Übung
Lege drei bis fünf niedrige Stangen in einer geraden Reihe aus. Führe Deinen Hund langsam und möglichst gerade darüber.
Zu Beginn können die Stangen direkt auf dem Boden liegen. Abstand und Höhe müssen an die Größe, Schrittlänge und Beweglichkeit Deines Hundes angepasst werden.
Darauf solltest Du achten
• Dein Hund soll über die Stangen steigen und nicht springen.
• Arbeite in einem ruhigen Schritttempo.
• Verwende keine rollenden oder wegrutschenden Stangen.
• Die Abstände sollten eine natürliche Schrittfolge ermöglichen.
• Drehe nicht unmittelbar und eng hinter der letzten Stange um.
Bei Schmerzen, ausgeprägten Bewegungseinschränkungen, neuroogischen Störungen oder nach Operationen sollte die Übung individuell angepasst werden.
4. Vorderpfoten auf einer stabilen Erhöhung
Das erhöhte Aufstellen der Vorderpfoten verlagert einen Teil des Körpergewichts auf die Hinterhand. Dadurch kann die Hinterhandmuskulatur gezielt aktiviert werden.
So funktioniert die Übung
Nutze eine niedrige, stabile und rutschfeste Erhöhung, beispielsweise eine flache Stufe oder ein festes Podest. Führe Deinen Hund so heran, dass er beide Vorderpfoten auf der Erhöhung abstellt.
Die Position wird zunächst nur wenige Sekunden gehalten.
Darauf solltest Du achten
• Verwende keine wackeligen oder instabilen Gegenstände.
• Beide Vorderpfoten sollten parallel stehen.
• Dein Hund sollte die Hinterbeine möglichst gleichmäßig belasten.
• Der Rücken sollte in einer natürlichen Position bleiben.
• Die Erhöhung darf nicht zu hoch sein.
• Dein Hund sollte jederzeit selbstständig wieder heruntertreten können.
Bei ausgeprägter Hinterhandschwäche, Knie- oder Hüftschmerzen sowie nach Operationen muss zuvor geprüft werden, ob die zusätzliche Belastung der Hinterhand erlaubt ist.
5. Sanfte Gewichtsverlagerungen im Stand
Gewichtsverlagerungen können die gelenkstabilisierende Muskulatur aktivieren, ohne dass eine große sichtbare Bewegung notwendig ist.
So funktioniert die Übung
Dein Hund steht möglichst gerade auf einem rutschfesten Untergrund. Lege Deine Hände seitlich an Schulter oder Becken und übe einen sehr sanften, langsam zunehmenden Druck aus. Dein Hund soll seine Position halten und sich nicht wegdrücken oder einen Schritt machen müssen.
Die Gewichtsverlagerung kann – abhängig vom Befund – auch diagonal zwischen Schulter und gegenüberliegender Hüfte durchgeführt werden.
Darauf solltest Du achten
• Verwende nur minimalen Druck.
• Der Hund soll ruhig weiteratmen.
• Die Pfoten sollten möglichst stehen bleiben.
• Vermeide ruckartige Bewegungen.
• Übe niemals direkt auf schmerzhaften Bereichen Druck aus.
• Beende die Übung, wenn Dein Hund ausweicht, sich anspannt oder Unwohlsein zeigt.
Bereits wenige kurze Impulse können ausreichend sein.
6. Kontrolliertes Pfotenanheben
Durch das kurzzeitige Anheben einer Pfote wird das Gewicht auf die verbleibenden Gliedmaßen verlagert. Dadurch werden Gleichgewicht und stabilisierende Muskulatur gefordert.
So funktioniert die Übung
Lass Deinen Hund im ruhigen Stand eine Pfote über ein bekanntes Signal anheben. Alternativ kannst Du eine Pfote vorsichtig aufnehmen, sofern Dein Hund dies entspannt zulässt.
Halte die Position zunächst nur für ein bis zwei Sekunden.
Darauf solltest Du achten
• Ziehe die Pfote nicht nach vorne oder zur Seite.
• Hebe sie nur wenige Zentimeter an.
• Dein Hund sollte nicht stark schwanken.
• Der Rücken sollte möglichst gerade bleiben.
• Alle anderen Pfoten benötigen sicheren Bodenkontakt.
• Die Übung darf keine Schmerzen auslösen.
Bei starker Muskelschwäche, Gleichgewichtsstörungen, neurologischen Defiziten oder schmerzhaften Gelenkerkrankungen kann diese Übung zu anspruchsvoll sein.
7. Slalom in weiten Bögen
Ein langsam geführter Slalom kann die seitliche Beweglichkeit der Wirbelsäule, Koordination und Körperwahrnehmung fördern.
So funktioniert die Übung
Stelle mehrere Gegenstände mit großzügigem Abstand auf. Führe Deinen Hund langsam in weiten Bögen hindurch.
Darauf solltest Du achten
• Wähle große Abstände und weite Kurven.
• Vermeide hastige Richtungswechsel.
• Der Hund sollte im Schritt bleiben.
• Arbeite auf einem rutschfesten Untergrund.
• Der Körper sollte sich gleichmäßig zu beiden Seiten bewegen.
Enge Wendungen sind insbesondere nach Operationen, bei akuten Rückenbeschwerden sowie bei Knie- oder Gelenkproblemen häufig ungeeignet.
Wie lange und wie häufig sollte trainiert werden?
Die passende Trainingsdauer hängt vom Gesundheitszustand und der Belastbarkeit Deines Hundes ab. Für viele Hunde sind kurze Einheiten sinnvoller als ein langes Training.
Als allgemeine Orientierung für einen gesunden und belastbaren Hund können wenige Minuten mit Pausen ausreichend sein. Bei einem erkrankten oder frisch operierten Hund muss die Dosierung individuell festgelegt werden.
Achte nicht nur während des Trainings, sondern auch in den folgenden Stunden und am nächsten Tag auf mögliche Überlastungszeichen.
Mögliche Anzeichen einer Überforderung
Das Training sollte abgebrochen beziehungsweise angepasst werden, wenn Dein Hund:
• stärker lahmt
• deutlich langsamer oder unsicherer wird
• häufig ausweicht oder sich hinsetzt
• stark hechelt, obwohl es nicht warm ist
• zittert oder die Muskulatur stark anspannt
• eine Übung plötzlich verweigert
• die Ohren anlegt, den Kopf abwendet oder andere Stresssignale zeigt
• vermehrt stolpert oder Pfoten schleifen lässt
• nach dem Training deutlich steifer wirkt
• am folgenden Tag schlechter läuft
Eine vorübergehende Verschlechterung sollte nicht als notwendiger „Trainingseffekt“ angesehen werden. Treten neue Schmerzen, eine deutliche Lahmheit oder neurologische Auffälligkeiten auf, sollte Dein Hund tierärztlich untersucht werden.
Welche Übungen sollten nicht ohne individuelle Anleitung durchgeführt werden?
Besondere Vorsicht gilt bei:
• Übungen auf stark instabilen Untergründen
• hohen Hindernissen
• Sprüngen
• engen Wendungen
• unkontrolliertem Treppensteigen
• schnellen Sitz-Platz-Wechseln
• starkem passivem Dehnen
• Übungen auf glatten Böden
• längeren Einheiten bis zur Erschöpfung
Auch Schwimmen und Wassertreten sind nicht automatisch gelenkschonend oder für jeden Hund geeignet. Wassertiefe, Temperatur, Strömung, Ein- und Ausstieg sowie die konkrete Erkrankung müssen berücksichtigt werden. Insbesondere nach Operationen oder bei neurologischen Problemen sollte Wassertraining fachlich begleitet werden.
Individuelles Training statt allgemeinem Standardprogramm
Physiotherapeutisches Training sollte immer ein konkretes Ziel verfolgen. Je nach Befund kann es beispielsweise um Muskelaufbau, Entlastung, Stabilität, Koordination oder den Erhalt vorhandener Fähigkeiten gehen.
Nicht die Anzahl verschiedener Übungen entscheidet über den Erfolg, sondern ihre passende Auswahl, korrekte Ausführung und angemessene Dosierung.
Wenn Du unsicher bist, welche Übungen zu Deinem Hund passen, ist eine individuelle physiotherapeutische Untersuchung sinnvoll. Dabei können Gangbild, Beweglichkeit, Muskulatur, Gelenkfunktion und Belastbarkeit beurteilt und das Training entsprechend angepasst werden.
Mobile Hundephysiotherapie in Bispingen und im Heidekreis
Als mobile Hundephysiotherapeutin unterstütze ich Dich und Deinen Hund in Bispingen, Soltau, im Heidekreis und Umgebung direkt bei Euch zu Hause. Nach einer ausführlichen Untersuchung erstelle ich einen individuell angepassten Therapie- und Trainingsplan, der zum Befund, zur Belastbarkeit und zu Eurem Alltag passt.
Zeigt Dein Hund Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, Muskelschwäche oder benötigt er Unterstützung nach einer Operation? Dann kannst Du mir gerne eine Terminanfrage senden.
© Pfoten.Fit. Hundephysiotherapie Denise Balazs
Alle Rechte vorbehalten
Ein Teil der Fotos wurde von © Deborah Schultz Fotografie erstellt und bearbeitet.
